W. A. Mozart: Requiem

Wolfgang Amadeus Mozart: Requiem d-Moll KV 626 (1791)

Sonntag, 30. Oktober 2005
um 20.15 Uhr
im Kammermusiksaal der Philharmonie

Obwohl Mozart vor seinem Tode das Requiem nicht mehr fertigstellen konnte und die Endfassung von seinem Schüler Franz Xaver Süßmayr erarbeitet wurde, ist es doch in die große geistliche Chorliteratur eingegangen. Ein beeindruckendes, erschütterndes und doch gleichzeitig tröstliches Werk.

Es kam eine von Duncan Druce revidierte und ergänzte Version der Süßmayr-Fassung zur Aufführung.

Dieses Programm haben wir gemeinsam mit dem Blackheath Choir im Rahmen der Städtepartnerschaft Wilmersdorf-Lewisham, vermittelt durch das Bezirksamt Wilmersdorf/Charlottenburg, im November in London ein zweites Mal aufgeführt.

Solisten:
Jeanette Bühler, Sopran
Waltraud Heinrich, Alt
Friedemann Büttner, Tenor
Wilhelm Schwinghammer, Bass

Concerto Grosso Berlin
mit historischen Instrumenten

Hugo-Distler-Chor Berlin
Dirigent: Stefan Schuck

Mehr zu diesem Programm:

Gedanken zum Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart

von Stefan Schuck

Über die Entstehung keines anderen Werkes wurden so viele Spekulationen angestellt wie über Mozarts Requiem. Der mysteriöse, anonyme Auftraggeber, der nur mittels des „grauen Boten“ mit Mozart verhandelte, Mozarts früher Tod just zum Zeitpunkt seiner Arbeit an einem Requiem, und schließlich die überlieferten Andeutungen über einen Giftmord, vielleicht gar seitens Salieris, seines kompositorischen Rivalen beauftragt, trugen dazu bei, die Geschichte dieses Meisterwerkes zu einem dramaturgisch gewinnbringend umsetzbaren Stoff werden zu lassen. Auch wenn die Musikwissenschaft längst den wahren Sachverhalt rekonstruiert hat, halten sich diese Mythen immer noch lebendig, nicht zuletzt durch die überzeugende cineastische Umsetzung im „Amadeus“-Film.

Wenn auch Mozarts Werk selbst ob seiner kompositorischen Größe nicht unter solchen literarischen Ausschmückungen leidet, verstellen sie doch den Blick auf die Leistungen derer, die durch die Fertigstellung des Werkes erheblich zu dessen Verbreitung und Erfolg beigetragen haben.

Auftraggeber war Franz Graf von Walsegg-Stuppach, der das Requiem zum Andenken an seine im Februar 1791 jungverstorbene Gattin bestellte. Dieser Graf hatte die Gewohnheit, in von ihm selbst geleiteten musikalischen Veranstaltungen Werke anderer Komponisten als eigene auszugeben, was er schließlich auch mit Mozarts Requiem tat. Aus diesem Grund wollte er gegenüber Mozart ungenannt bleiben. Der Auftrag erreichte Mozart zu einer Zeit, da er mit der Komposition seiner Opern „Titus“ und „Zauberflöte“ in höchstem Termindruck war. Vermutlich wusste Mozart, dass das Requiem erst im Februar 1792 zum Gedenken des einjährigen Todestages fertig sein sollte und hatte deshalb der Vollendung anderer Werke Vorrang eingeräumt. So kam es, dass bis zu Mozarts recht plötzlichem Tod nur die Teile „Requiem aeternam“ und „Kyrie eleison“ ausgearbeitet waren, während von „Dies irae“ und „Offertorium“ nur mehr oder weniger ausführliche Skizzen vorlagen.

Mozarts Witwe Constanze sah in der Fertigstellung und dem Verkauf des Requiems, für das Mozart schon eine stattliche Anzahlung erhalten hatte, die Möglichkeit, ihre finanziell katastrophale Lage etwas zu sanieren. Sie bat zuerst Joseph Eybler, das Werk zu vollenden, der jedoch bald die Arbeit ohne Erfolg zurückgab. Nach mehreren Anfragen bei anderen Meistern erklärte sich der damals 25jährige Franz Xaver Süßmayr zu dieser Aufgabe bereit. Süßmayrs Beziehung zu Mozart ging weit über ein einfaches Lehrer-/Schüler-Verhältnis hinaus: Mozart erwähnt ihn in vielen Briefen an seine Gattin (und belegt ihn häufig mit recht derben Worten), außerdem begleitete Süßmayr diese auf einige ihrer Reisen – man spekulierte sogar, ob er der Vater zu Constanzes Sohn Franz Xaver sein könnte. Auf die Umstände und Hintergründe, die Constanze veranlassten, aktiv die Entstehung der Legenden um das Requiem zu fördern, soll hier nicht eingegangen werden.

Süßmayr schrieb die Skizzen Mozarts, die er zu ergänzen hatte, aus Mozarts Autograph ab und fügte seine Ergänzungen hinzu. Gänzlich neu komponierte er Sanctus, Benedictus und Agnus Dei. Aus mehreren Briefen geht hervor, dass er sich durchaus der Größe des Mozartschen Werkes bewusst war, an welcher er sich nicht messen konnte: „Ich habe den Lehren dieses großen Mannes zu viel zu danken, als dass ich stillschweigend erlauben könnte, dass ein Werk, dessen größter Theil meine Arbeit ist, für das seinige ausgegeben wird, weil ich fest überzeugt bin, dass meine Arbeit dieses großen Mannes unwürdig ist. Mozarts Composition ist so einzig und ich getraue mir zu behaupten, für den Theil der lebenden Tonsetzer so unerreichbar, dass jeder Nachahmer besonders mit untergeschobener Arbeit noch schlimmer wegkommen würde, als jener Rabe, der sich mit Pfauenfedern schmückte.“

Die zu ergänzenden Teile der Sequenz und des Offertoriums waren durch Mozarts übliches Vorgehen, zuerst die Singstimmen und den Instrumentalbass zu fixieren, nach der Auffassung der Zeit weitgehend fertig komponiert, nur eben noch nicht vollendet. Diesem Umstand ist zu verdanken, dass die Textteile, die ausschließlich zum Begräbnisordinarium gehören, auch nach der Bearbeitung durch Süßmayr ganz von Mozarts Geist zeugen.

Den Kosmos der ausgebreiteten musikalischen Gedanken erfassen zu wollen, ist an sich schon ein vermessenes Unterfangen, mehr noch, diese auf geringem Raum zu Papier bringen zu wollen: man erfährt hörend Mozarts über das einfache Wortverständnis hinausgehende Interpretation des Textinhaltes und spürt seinen subjektiven Umgang mit der christlichen Erlösungsbotschaft. Diese Subjektivität wird vor allem dann erlebbar, wenn Mozart sie mit der Objektivität der Gewissheit des unentrinnbaren Todes kontrastiert, ausgedrückt u.a. durch den Rückgriff auf alte kompositorische Formen. textbezogen werden die Fülle der Emotionen im Angesicht des Toten wie des Todes zu Klang: Trauer und Schmerz über den Verlust eines Menschen, Bitte und Hoffnung auf Gnade und Erlösung und immer wieder die Liebe zu dem Verstorbenen; aber auch: die Angst vor der Ewigen Verdammnis und die Sehnsucht nach Erlösung durch den Tod. Wie erschütternd sind so Mozarts letzten Noten zu hören, der Aufschrei am Ende der 1. Zeile des „Lacrimosa“: „Tränenreich ist jener Tag, an welchem auferstehen wird aus dem Staube zum Gericht der Mensch als Schuldiger“.

Stefan Schuck